Die verlassene Heilstätte Hohenlychen

Ein Sanatorium zwischen Verrotten und Sanieren

Meine Woche Urlaub lag genau in der Zeit der starken Regenfälle, die in Berlin sogar zu Überschwemmungen in einigen Stadtteilen führten. Beste Vorraussetzungen für eine Radtour in der uckermärkischen Natur. Für die Dauer meines Frühstückskaffees ziehen noch einige Wolken über den Himmel, doch die Sonne drückt sich durch. Meinen Plan, nach Lychen – konkret zum verlassenen Sanatorium Hohenlychen – zu radeln, mache ich also wahr. Hätte ich geahnt, dass die Strecke zwar durch schönen Wald verläuft, aber eine einzige anstrengende Hügellandschaft ist, hätte ich mich vielleicht für vier statt zwei Reifen entschieden. Ein bisschen erinnert mich der Weg an eine Achterbahn – zwar kein Looping, aber dauernd auf- und ab. Allerdings länger auf und kürzer ab. Abgekämpft sehe ich das erste kleine Haus am See durch die Bäume schimmern. Es ist mit einem Bauzaun umringt, so wie das gesamte Gelände der zur Heilstätte Hohenlychen gehörenden Gebäude. Ich kann sie zwar hören, aber nicht sehen: die Bauarbeiter, die hier etwas schön richten sollen. Ich hätte diese Butze zwar nicht mehr gerettet, aber ich will ja auch die tollen Haupthäuser weiter hinten auf dem großen Gelände fotografieren. Und so lasse ich sie unbeeindruckt weiter werkeln. Leichte Regenwolken hängen inzwischen drohend tiefer und versprühen pünktlich bei meinem Erreichen des Haupthauses fiselige Tropfen. Bei so einem Wetter geht man natürlich rein. Der Maschendrahtzaun war zufällig schon ziemlich eingedellt. Ein Keller hat kein Fenster mehr und lässt mich das Gebäude von unten aufrollen. Durch eine schöne Flügeltür hochkommend stehe ich unvermittelt in dem Gang, den ich so schön finde: sechseckige Fliesen und Holzüberdachung! Dazu diese tollen Fenster mit den vielen kleinen Unterteilungen. Ich mag so etwas, es hat für mich einen gemütlichen und friedlich warmen Charme. Mit Doppelverglasung war zu der damaligen Zeit noch nicht – da frage ich mich, wie das wohl so mit den Lungenkranken und später normalen Gästen war. Es muss doch permanent gezogen haben oder kühl gewesen sein, zumindest in den Gängen, wo keine Heizvorrichtungen waren. Ein Rascheln vor mir reißt mich aus meinen fundamentalen Gedanken. Ich scheine bisher allein zu sein im Gebäude, aber man weiß ja nie. An den Fenstern weiter hinten im Gang erspähe ich die Ursache: wehende Teile von herunter hängenden Plastikplanen. Komischerweise klingen Plastikplanen immer wie jemand, der in der Nähe herum schlurft. Wenn man mal in den Urlaub fährt, bräuchte man eigentlich nur Plastikplanen in der Wohnung anbringen, dann würde jeder Einbrecher denken, da ist noch jemand zu Hause. Eine recht kostengünstige Einbruchsverhinderung. Warum ist noch niemand auf die Idee gekommen?! Zur Sicherheit schleiche ich aber doch mit gespitzten Ohren weiter. Um von draußen nicht beim Durchlaufen des langen Brückenganges gesehen zu werden, gehe ich anfangs geduckt, eiere dann im Watschelgang weiter, um am Ende doch auf allen Vieren zu krabbeln. Meine Oberschenkel-Muskeln hatten den Gang kürzer eingeschätzt. Der große Raum, in dem ich mich wieder aufrichte, erschreckt mich etwas. So dermaßen brüchig hätte ich den Zustand von Hohenlychen nicht erwartet. Eingestürzte Wände, heraus gebrochene Fenster, bröckelnder Putz, morsche Holzbalken, frei liegende Stahlträger. Aber die Lichtstimmung ist wunderbar durch die verbleibenden Farben an den Wänden. Ihre seltsamen Gelb- und Grüntöne haben diesen typischen Ton aus dieser Zeit. Und ihre Ausstrahlung ist ganz eigen. Ich laufe ein paar leere Räume ab und stelle sie mir mit Inventar und älteren Menschen vor, die in dicken Sesseln am Fenster sitzend in die schöne Natur schauen. Vielleicht kommt gerade eine Pflegerin im weißen Kittel vorbei, die wärmenden Tee bringt. Ich frage mich, ob die Menschen hier Radio gehört haben oder fern gesehen? Oder ob es ganz ruhig war? Eine Welt, in der es noch keine Mobiltelefone gab und keine Vermüllung durch überfrachtete Medienportale und schnelllebiges Sozial-Media. Von Strahlung ganz zu Schweigen. Das Leben war auf jeden Fall entschleunigter. Und so nehme ich mir die Zeit, mich auch mal an einen stabilen Fensterrahmen zu lehnen, in die umgebende Natur zu lauschen und zu riechen – einfach mal inne zu halten und die Wirkung dieses beeindruckenden Gebäudes für mich allein zu genießen. Das Rattern der Bauarbeiter mahnt mich, weiter zu gucken. Inzwischen hat sich die Sonne etwas durchgekämpft und lässt mich zum Abschluss doch noch ein wenig mehr von dem Lebensgefühl in diesen Gebäudeteilen erahnen. Wie immer suche ich am Ende den Punkt, an dem ich eingestiegen bin, der in diesem Falle zum Glück rückseitig gelegen war, da auch die Bauarbeiter gerade Feierabend machen, und eine Begegnung an besagtem Bauzaun nur knapp verfehlt blieb.

Rettung einiger Gebäude der Heilstätte Hohenlychen durch Sanierung

Meines Erachtens stehen die schönen alten Gebäude der ehemaligen Heilstätte Hohenlychen auf Platz zwei der schönsten verlassenen Heilstätten Deutschlands. Diese elegante Art der Architektur, die einen langen Steinbau mit Fachwerk gekonnt verbindet, wird in solch wunderbarer Form für meinen Geschmack nur von den Heilstätten in Beelitz getoppt. Aber was kann Beelitz schon toppen?! Im Unterschied zu den umfangreichen Gebäuden, die inklusive der ehemaligen Beelitzer Chirurgie südlich von Berlin zu finden sind, lag bei der Heilstätte Hohenlychen in Lychen in der Uckermark ca 80km nördlich von Berlin ein anderes Konzept zugrunde.

etwas zur Geschichte der Heilstätte Hohenlychen

Die Lage des großen Geländes könnte nicht besser sein. Direkt am Zenssee wurden die Heilstätten Hohenlychen 1902 von Gotthold Pannwitz als Kinderheilstätte erbaut, ein Frauensanatorium kam kurz darauf auch hinzu. Ein Großteil der Finanzierung kam dabei vom Deutschen Roten Kreuz. Die Gebäude waren nicht nur als reine Behandlungsstätte bei Tuberkulose gedacht, sondern weitreichender auch an die Unterstützung für den Wiedereinstieg in den Alltag nach der Genesung, indem man neben einer Badeanstalt auch eine Haushaltsschule und eine Gartenbauschule einplante und zur Verfügung stellte. Und wie zur damaligen Zeit üblich, waren die Abteilungen für Männer sowie Frauen und Kinder getrennt. Das für die damalige Zeit weitblickende Konzept führte zur Erhebung Lychens zum Luftkurort und damit einhergehend zur Verlegung von Wasser- und Elektrizitätsleitungen und befestigten Straßen.

In der NS-Zeit wurden die bestehenden Gebäude um Sportanlagen und ein Sportsanatorium erweitert. Schließlich sollten die deutschen Sport-Eliten nicht nur gefördert, sondern auch gesund gehalten werden. Im Bereich der Behandlung von Miniskus-Verletzungen wurde die Heilstätte Hohenlychen sogar weltführend. Es wurde im Laufe der Zeit aber auch ein Ort, der unter den Größen der NS-Führung als “hip” galt und somit gern zum Aufenhalt genutzt wurde. Zu den Gästen zählten nebst Heinrich Himmler und Rudolf Hess auch Albert Speer und sogar der “Führer” Hitler selbst.

Natürlich wurde auch diese Heilstätte in der Kriegszeit als Krankenhaus und Lazarett genutzt. Da es dem russischen Sektor zugehörte, wurde es in der Nachkriegszeit von eben jenen sowjetischen Besatzern in Beschlag gehalten, bis diese 1993 abzogen und die Gebäude der Brache überließen.

Inzwischen hat sich ein Investor gefunden, der bereits aus einigen Gebäuden schick sanierte Wohnhäuser hat herrichten lassen. Bleibt zu hoffen, dass auch die großen verbleibenden Gebäude in ihrer schönen Einzigartigkeit erhalten bleiben und irgendwann genutzt werden.

weblinks:

https://de.wikipedia.org/wiki/Heilanstalten_Hohenlychen

https://www.tagesspiegel.de/kultur/gefaehrliche-liegenschaften/689084.html

https://brandenburg.rz.htw-berlin.de/geschichte_hohenlychen.html

2 Kommentare

  1. Hallo Frauke,
    Oh, welch wunderschöner Bericht, garniert mit tollen Bildern!
    Da muss ich mich wohl sputen, wenn ich da noch ein paar gute Bilder erhaschen möchte – hätte nicht gedacht, das man versucht, hier eine ernsthafte Sanierung zu versuchen… In der Tat, die romantischen Heilstätten werden weniger. Es ist natürlich schwer, mit der “Mutter aller deutschen lost places” mitzuhalten… aber jedes Objekt hat ja seine ganz eigene Geschichte und seinen ganz individuellen Schönheiten – das ist Dir wieder einmal gut gelungen, das zu zeigen. Vielen Dank dafür! Viele Grüße von der Ostsee, der Frank

    • urbexsneeker
      09/09/2020
      Antworten

      Hallo Frank,
      vielen lieben Dank!! Und ja, es ist tatsächlich Eile geboten, wenn man das große Hautgebäude noch vor der Sanierung erleben und fotografieren möchte. Ich weiß, dass Beelitz ganz oben auf den meisten Listen der Lost Places Liebhaber steht, und auch für mich ist Beelitz einer meiner spannendsten und wichtigsten Lost Places, besonders, weil es 2014 mein erster “großer” LP war. Dennoch muss ich gestehen, dass ich inzwischen nach Besuchen weiterer Heilstätten gestehen muss, dass einfach jedes Sanatorium seinen eigenen Charme und individuellen Reize hat. Ich glaube, dass sich Beelitz u.a auch durch sein Chirurgie-Gebäude abhebt und damit etwas Außergewöhnliches im Vergleich zu den anderen Sanatorien ist. Aber fairer Weise bieten die anderen auch sehr schöne Seiten. Zum Glück für und Fotografen, wa 😉 ?!
      Wenn Du die Gelegenheit hast, schau auch nochmal im Harz in die Johanniterheilstätte, die leider inzwischen auch unter Vandalismus leidet. Aber bevor alles kaputt oder zugesprayt ist, schnell hin!

      Ganz liebe Grüße, Frauke

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