Der verlassene Ballsaal “Zehnpfund”

Der verlassene Ballsaal “Zehnpfund”

Die Sonne scheint aus allen Knopflöchern. Eigentlich ist es fast zu schade, um in einen Lost Place zu gehen, aber ich weiß, dass das verlassene Hotel “Zehnpfund” mit seinem schönen Ballsaal nicht mehr lange existieren wird. Zumindest nicht als Lost Place, denn es gibt Nutzungspläne. Wobei es die auch schon seit Jahren gibt. Aber das heißt ja bekanntlich nichts. Ob ein verlassenes Hotel mit Ballsaal wie dieses noch zu retten ist, wage ich zu bezweifeln, aber ich gehe lieber auf Nummer sicher und fotografiere es.

Wie immer plane ich, einen Parkplatz unauffällig etwas abseits vom Lost Place zu nehmen und sondiere die Lage beim Näherkommen. Alles proppevoll. Live-Musik dringt zu mir ins Auto, als ich in die Straße zum Hotel “Zehnpfund” biege. Jede Menge Menschen strömen zum Friedenspark, der sich direkt gegenüber vom Hotel befindet, und mir schwant langsam: heute ist offenbar irgendein Fest. “Na großartig”, denke ich und entdecke den einzig freien Parkplatz: direkt vor dem verlassenen Hotel, direkt vor dem Park mit dem Stadtfest. Direkt vor der Nase aller. Ein Spitzenplatz. “Könnte schwierig werden mit der Unauffälligkeit”, überlege ich, “alle gehen hin zum Fest, ich gehe weg”. Dazu noch mit Kameratasche und Stativ. Total abwegig, dass ich ins Hotel will. Der Kölner würde sowas sagen wie “wat wellste maache”, oder “et es wie et es” und so krame ich mein Zeug zusammen, biege an der Seite des verlassenen Hotels hinter die Büsche und schlüpfe in den Lost Place hinein.

Anfangs bin ich etwas enttäuscht. Mir war klar, dass ich hier kein unberührtes verlassenes Hotel erleben werde, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde mit der Vermüllung, seit dieser Lost Place ungeschützt ist. Früher war das verlassene Hotel “Zehnpfund” mit Alarm gesichert, aber man hätte ganz legal um Genehmigung für einen Besuch fragen können. Die Telefonnummer hatte ich auch seit Jahren, aber irgendwas war immer. Bisher. Jetzt laufe ich über quitschende Dielen, die unangenehm laut knarren. Die Räume sind bis auf ein paar alte Türen, Fensterläden und diversen Krempel leer. Die ursprüngliche Architektur mit speziellen Bauelementen ist dennoch sehr schön und sehenswert. Ganz vorn dabei sind die eisernen Treppengeländer und Buntglasfenster. Aber auch die Art und Weise, wie die Schrägbalken in einigen Zimmern als Raum-Element integriert sind, habe ich in dieser Art noch nicht gesehen. Schön finde ich auch, dass man die Rundbögen in den Gängen erhalten hat. Sie haben so eine leicht erhabene Ausstrahlung. Ich schreite durch weiße, hohe Flügeltüren, die mir eher das Gefühl geben, durch ein kleines Schloss zu laufen, als durch ein verlassenes Hotel. Und dann kann ich den Ballsaal durch die Glasfenster im Gang sehen. Am liebsten hätte ich laut “Oooaaahh”, gesagt, vielleicht habe ich das auch, ich weiß es nicht mehr. Gedacht auf jeden Fall. In einer Ecke drängte schon das Baststroh durch den abgeplatzten Stuck der Decke. Eine der typischen Folgen der Witterung in verlassenen Gebäuden. Der Kronleuchter wurde auch Opfer von minderintelligenten Hohlbirnen, die sich wahrscheinlich an die Leuchterarme gehängt und sie somit verbogen haben. Wie traurig, wie überflüssig, wie sinnlos. Wie immer.

Die Sonne scheint immer noch. Draußen ist der Bär los. Quasi vor der Hautür. Inzwischen spielt ein anderer Musiker. Ich nicke im Takt, summe grinsend einen alten Song aus meiner Jugend mit und denke, “sowas hatte ich auch noch nicht, dass ich zu Live-Musik durch einen Lost Place gehe. Hinter dem letzten Fetzen einer Gardine schaue ich mir das bunte Treiben an und beschließe, die letzten Stunden des Tages am bevölkerten Leben und diesem Streetfood-Fest teil zu haben…

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