Das verlassene Hotel “pinke Gitarre”

Das verlassene Hotel “pinke Gitarre”

Die Straße schlängelt sich in schier endlosen Kurven. Fast wäre ich an meinem heutigen Lost Place, ein verlassenes Hotel, vorbei gefahren. Die meisten fahren vorbei. Etwas am Hang zurück gesetzt und ziemlich versteckt hinter dichtem Grün kann man es auch leicht übersehen. Dabei bietet das verlassene Hotel ein charmantes altmodisches Erscheinungsbild. Mit seiner kompletten Holzverkleidung, den kleinen Giebelfenstern und dem Vorbau hat es den architektonisch typischen Baustil dieser Region. Damit leider auch die übliche Anfälligkeit für eindringende Feuchtigkeit. Ein verlassenes Hotel in Holzbauweise wie dieses geht meistens an Schimmel und Instabibiltät durch Feuchtigkeit im Holz zugrunde.

Wir schreiben einen heißen Sommertag. Die Luft steht. Jede Bewegung ist schweißtreibend. Durch ein offenes Fenster lande ich im gastwirtschaftlichen Teil des verlassenen Hotels. “Genau richtig”, denke ich. Ich habe Brand wie eine Bergziege, obwohl ich erst vor einer Minute einen Schluck Wasser getrunken habe. Auf dem kleinen Einzeltisch vor mir steht eine Flasche Pernot und eine leere Pulle Bier. Beides so staubtrocken, wie ich mich fühle. Schade. Ich sehe mich weiter um. Auf dem Bartresen stehen ein paar leere, blinde Gläser und weitere geleerte Bierflaschen. Der Kühlschrank dahinter gähnt mich ebenso leer an. Ungünstig. Mein Durst steigt. Wenn man Durst hat, sollte man sich keine leeren Flaschen ansehen. Ich habe natürlich eine Flasche Wasser dabei – im Auto. Lost Places als Überlebenstraining.

Obwohl es in verlassenen Gebäuden meist ein paar Grad kühler ist als draußen, reicht mein Tanktop heute allemal. Die Luftfeuchtigkeit im Erdgeschoss ist außergewöhnlich hoch. Auf meinen Armen klebt ein Feuchtigkeitsfilm, der nicht durch Überanstrengung kommt. Die leeren Pullen werden ja wohl kaum verdunstet sein und für das tropische Klima hier sorgen, denke ich mir und entdecke im Nebenraum des Speiseraums eine große undichte Stelle in der Decke. Das Regenwaldklima ist ein Paradies für die Mücken, die hier inzwischen in mehreren Großfamilien leben. Ich beeile mich mit Fotografieren, da ich sonst blutleer enden würde.

Als ich in der Küche stehe, höre ich plötzlich Schritte näher kommen. Schnell stelle ich mich hinter die eine halb geöffnete Flügeltür, man weiß ja nie. Ein Typ mit Kamera stratzt mit langen Schritten in die Küche, schaut kurz auf die Kochzeile und geht in die Speisekammer nebenan. Ich wäge ab, ob ich gehe, mich zeige oder stehen bleibe. Noch bevor ich einen Entschluss fassen kann, kommt der Typ zurück geströmt. Da meine Flügeltür nicht bis ganz an die Wand geöffnet war, rechne ich ganz klar damit, dass er mich nun entdecken wird. Ich mache mich auf einen erschrockenen Schrei oder ein Zusammenzucken gefasst. Die entscheidende Sekunde werde ich nie vergessen: der Typ kommt aus der Speisekammer zurück in die Küche, lässt nochmal den Blick über die Küchengeräte schweifen, dreht sich zu meinem Türflügel um und bleibt kurz davor stehen! Ich stehe quasi fast neben ihm und beobachte ihn direkt von der Seite! Er starrt gebannt geradeaus in des Kneipenraum. “Hää?! Der muss mich doch im Augenwinkel sehen…!”, schießt es mir fassungslos durch den Kopf. Aber nein, er geht einfach weiter. Ich bin baff! “Was war das denn?” Ganz schräg…

Aber egal, ich muss mich in Anbetracht der untergehenden Sonne beeilen. Ich habe es auf die witzig bemalten Toiletten abgesehen und nicht nur mein Wasser, sondern auch mein Stativ im Auto gelassen. Ein Besen muss zur Stabilisierung der Kamera herhalten. Das verlassene Hotel ist zwar noch nicht übermäßig mit Schimmel befallen, dafür gibt es keine gerade Wand mehr. Sogar die Fußböden sind schief. Die langen schmalen Flure mit den schachbrett-gemusterten PVC-Belägen wirken nicht nur verzerrt, sondern wie in einem gruseligen Film. Kurz muss ich an “Shining” mit Jack Nicholson denken. Zum Glück ist die Farbstimmung nicht blutrot, aber das kalte grünliche Licht ist auch schon unheimlich genug. Die Zimmer dagegen sind überraschend vielfältig und enthalten noch viele Möbel in relativ gutem Zustand (sofern man bei einem verlassenen Hotel von gutem Zustand sprechen kann). In fast jedem Zimmer ist anderer Teppich verlegt worden, die Möbel sind zwar kein “upper-class”, aber auch überall unterschiedlich. Man könnte fast meinen, hier hat der Besitzer die Möbel von überall her zusammen gesammelt (vielleicht vom verlassenen Flohmarkt-Hotel *hahaha*). Mir gefällt der Mut zur Individualität, es gibt jedem Raum eine persönliche Note. Ich habe selten ein (verlassenes oder auch nicht) Hotel besucht, dass einen so bunten und charmanten Charakter gezeigt hat. Wie schade, dass sich niemand gefunden hat, dieses schrille Kleinod zu retten…

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