Das steinerne Sanatorium

Weithin sichtbar steht der verlassene Steinbau oben auf dem Berg, die dunklen glaslosen Fenster gähnen uns schwarz entgegen, während wir im Schneckentempo den Serpentinenweg hinauf tuckern. Die kahlen Tannen verdecken abschnittsweise den Blick, doch das hoch aufragende, helle Mauerwerk präsentiert sich auf den letzten Metern umso erhabener. Die Größe des einen Haupgebäudes, das am Hang steht, wirkt schon von der Straße aus mächtig. Die letzten paar Meter gehen wir zu Fuß – wir haben Glück, die Sonne strahlt aus allen Knopflöchern und verspricht, uns warm zu halten, solange wir in ihrer Reichweite bleiben. Oben angekommen bin ich mehr als verblüfft, denn erst jetzt kann ich sehen, dass das am Hang stehende Hauptgebäude mit einem gegenüberliegende großen Bau mittels Brückengang verbunden ist. Nur wenige Meter vor den beiden steht noch ein kleineres, zur Hälfte heruntergebranntes und zusammengebröckeltes Gebäude, das wir gar nicht erst betreten. Die zum Teil schon fehlenden Aussenwände können nur noch von Leere und Schutt berichten. So beginnen wir im vorderen Gebäudeflügel, dass ebenfalls ziemlich leer zu sein scheint und damit ein zügiges Durchlaufen ohne spannende Motive vermuten lässt. Der Zugang ist einladend offen; Türen und Fenster fehlen schon lange. Glas knirscht unter unseren Schuhen, als wir die Steinfußböden der unteren Räume ablaufen, Metallteile liegen herum, der viele abgebröckelte Putz dämmt unsere Schritte etwas. Es herrscht merkwürdig entrückte Stille, kein Waldesrauschen, kein Vogelgezwitscher, keine anderen Laute. Einen Moment lang denke ich verwundert, dass das früher doch irgendwie mehr war mit den Vögeln, besonders in so weiter Natur. Und dann denke ich auch, wie schrecklich schnell sich die Welt verändert hat, in welch kurzer Zeit die Tierwelt dezimiert wurde. Da kann auch die Sonne mit ihren gelben, warmen Strahlen nichts schön malen. Und dann fliegt lautlos ein kleines Rotschwänzchen an uns vorbei und setzt sich auf einen verbrannten Holzbalken. Wie schön, denke ich, dass der Kleine wenigstens einen Spielraum hier gefunden hat, und vielleicht findet er es genauso spannend wie wir. Einen Augenblick sehen wir ihm noch zu, bevor wir weiter ziehen.

Zu unserer Überraschung finden wir noch Überbleibsel einer Röntgenvorrichtung, Teile eines Apparates, die schwarzen Rolläden vor den Fenstern und einen verdreht zusammengefallenen Schank. Immer wieder muss ich mich über die äußerst extrem schmalen, dafür aber langen Toilettenräume wundern. Ob das mal Mode war? Völlig abstrus scheint der WC-Raum mit nur einem halben Fensterflügel. Mir erschließt sich der Sinn nicht, gibt aber ein interessantes Motiv. Bei ein paar größeren Räumen zum Hang hin sind Balkone angebracht, bei denen aber nur noch die Betonplatte aus der Mauer ragt, die ohne Ballustrade abrupt ins Freie endet. Kein Geläder, keine Mauer. Das hieße, ohne Umschweife den Berghang hinab zu stürzen. Wir witzeln ein bißchen, welches wir als „unser“ Wohnzimmer oder Bad nehmen würden, in das wir uns dann zur damaligen Zeit gegenseitig eingeladen hätten. Eine gewisse Gemütlichkeit verströmen die teilweise recht kleinen Räume schon.

Der Wind zieht dann doch ziemlich flott durch die leeren Gänge, die Sonne geht auch ihren Gang und mahnt uns, ins der Sonne zugewandten Gebäude zu wechseln. Von weiter hinten kommt ein Mann von vielleicht Ende 50J im Overral auf uns zu. Freund oder Feind, die übliche Frage beim urban exploring in solchen Situationen. Das Erkunden von lost-places ist nicht in mehrfacher Hinsicht ein Risiko Doch der Mann ist Einheimischer, und schnell entwickelt sich ein interessantes Gespräch über die Geschichte dieses Sanatoriums. So erzählt er z.B, dass hier früher nur Rollstuhl-Patienten untergebracht waren. Ein Fakt, den ich bisher noch nicht kannte. Ich mag solche Gepräche, zumal wenn sie geschichtlich bis über die ehemalige DDR ausholen und von dortigen Bewohnern berichtet werden. Zeitreise mal anders. Mit diesem neuen Wissen betrachten wir die Räumlichkeiten nun genauer.

Der leicht bogenförmige Gang im Erdgeschoss läuft auf einen ehemaligen Badebereich zu, in dem uns ein blau gekacheltes, beinahe den Raum füllendes Schwimmbad erwartet. Die schwarz gerußte Decke drückt dramatisch auf das leere Becken, in dem man früher sicherlich kein Fernsehen geguckt hat, auch wenn eine alte Röhre an Boden liegt. Vielleicht wäre das die erste Form von Wellness oder Spa gewesen. Während ich mich an die Wand drücke und ziemlich verrenke, um möglichst den gesamten Raum ins Bild bekommen, sind draussen Stimmen und näher kommende Schritte zu hören. Ein Vater mit Tochter und kleinem Sohn macht einen Abenteuerrundgang über das Gelände. Na, zum Glück und endlich mal wenigstens keine Vandalen…

Ein Stück die Bergstraße hinunter steht noch ein altes Ärztehaus. Viel ist innen nicht mehr vorhanden, auch hier hat als letztes die Feuchtigkeit Einzug gehalten. Wellige Wandvertäfelungen, schiefe Böden, blinde Glasscheiben, Staubfetzen in den Ecken. Der Muff hängt verjährt in der Luft. Im Keller dann doch noch ein kleines Überbleibsel. Im Regal stehen Einmachgläser mit undefinierbarem, aufgedunsenem Inhalt, selbst die Farbe der eingeweckte Lebensmittel hat sich dem Grau der vergangenen Zeit angepasst. Der Kellerboden ist von Pfützen bedeckt, der Lehm drückt in die Holzverschläge. In einer Ecke trotzt ein Metallklotz den feuchten Wiedrigkeiten von Schimmel, Gammel und Staub. Es könnte ein Tresor gewesen sein, ein Metallschrank – man weiß es nicht. Zu holen ist hier außer Leere und Ödnis allerdings nichts mehr, nicht mal interessante Motive.

Somit sind wir auf einen Abendsprung ins „Holzsanatorium“. In meinem Beitrag erzähle ich von dem Erlebnis und Zustand dieses großen Gebäudes.

 

urbexrebellin Verfasst von:

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