Die verlassene Villa “Kugel”

Die verlassene Villa “Kugel”

Wenn man eine Turmkugel mal aus der Nähe sehen kann

Es geht mir jedes mal so, wenn ich eine verlassene Villa oder ein verlassenes Rittergut in diesem wunderschönen Baustil sehe: ich würde das verlassene Gebäude am liebsten kaufen, sanieren bzw renovieren und es mir gemütlich machen. Ich verstehe auch nie, warum man solch eine verlassene Villa überhaupt verlassen hat – warum findet sich niemand? In diesem Fall handelt es sich um die verlassene Kutscherstube, die zur verlassenen Fabrikantenvilla “Auerbach” gehört…

Und so schleiche ich durch die Räume und male mir aus, was ich wo machen würde. Als ich in den ersten Stock komme, erschrecke ich. Durch den Spalt einer leicht geöffneten Tür erkenne ich ein bezogenes Bett mit Klamotten drauf. “Oh Gott, wohnt hier etwa noch wer?!?!” Ich schwebe vorsichtig näher und lausche angestrengt. Ein Blick um die Ecke: niemand da. Ich wäre aber wohl eh bemerkt worden, denn die Dielen geben beweisende Knarrgeräusche unter meinen Schritten ab. Das Bett sieht nach einem metallenen Krankenbett auf Rollen aus. Auch in einem Durchgangszimmer steht ein schmales Bett, was ich noch viel merkwürdiger finde. Das Schlafzimmer war dies sicher nicht. Aufschlussreiche Spuren dazu kann ich nicht finden. Kopfschüttelnd sehe ich mich weiter um und bin erstaunt über die hübschen inneren Fensterrahmen. So etwas habe ich noch nirgends gesehen!

In einem hinteren Raum sieht es so aus, als hätte man die Tapeten- und Fußbodenbelag-Schichten abgepuhlt, um zu sehen, was sich darunter verbirgt. Das gelb-schwarze Papier halte ich auf den ersten Blick für Müllreste. Neugierig nehme ich die Papierbögen unter die Lupe und stutze: “Blatter Schokolade” und “VEB Thüringer Schokoladenwerke”…Dann bemerke ich das sich in regelmäßigem Abstand wiederholende Fadenkreuz und ich weiß plötzlich, was ich vor mir habe: große Druckbogen. Das sind alles Mehrfachnutzen eines Verpackungsdesigns auf Druckbogen. Ich muss unwillkürlich lachen, da ich beruflich sehr enge Berührungspunkte mit der Printbranche habe. Unter dem PVC-Belag wurde also der komplette Raum mit Schokoladenverpackungs-Druckbogen ausgelegt. Also das ist nun wirklich das Witzigste, was ich je entdeckt habe! Ich rätsele: “Zur Wärmedämmung sind die ja eigentlich etwas dünn… – waren das Fehldrucke, die verschwinden sollten?” Ein nützlicher Sinn fällt mir nicht ein. Auf jeden Fall gab es in der DDR die Schokoladenmarken “Rotstern” und “Berggold” – wieder etwas dazu gelernt. Und da sage einer, Lost Places hätten nichts zu bieten. Ha!

In einem kleinen, leeren Raum fallen mir zwei metallene Objekte auf, die wie zwei zerbeulte Salatschüsseln aussehen. Ich überlege, was es sein könnte. Wenn die Spitze nicht wäre, hätte ich auf eine zerteilte Kugel getippt. Aber die Oberschale hat kein Loch, womit sie hätte über die Spitze geschoben werden können. Ich komme nicht drauf und dackele weiter…

Erst später, als ich meine Fotos sichte, fällt mir eine fehlende Turmkugel (auch Turmknauf genannt) auf dem Dach des kleinen Türmchens auf. Wie die beiden Hälften zusammen gewesen sein könnten, erschließt sich mir nach wie vor nicht; dennoch halte ich meinen Verdacht für nicht ganz abwegig. Früher hat man in diesen Turmkugeln ja zeitgeschichtliche Dokumente verwahrt – vielleicht war jemand auf Schatzsuche. Man weiß es nicht.


Info: https://dewiki.de/Lexikon/Turmkugel

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