Die gelbe Jugendstil-Villa

Eine verlassene Villa des Ehepaares mit filmreifem Namen

Ich habe es erst später begriffen. Es sah ja auch alles nach Herrenausstatter oder Sockenverkäufer oder irgendwas mit Klamottenhändler aus. Wozu sonst hat man in seinen vier Wänden einen Kleiderpuppenkorpus, Gestelle mit Kleiderbügeln, Klamottenständer und Tresen zum Verkauf?! Und all die Verpackungen mit Boxershorts, die so rumlagen, hätten entweder aus einer Massenbestellung bei Amazon sein müssen, oder für langfristige Sicherstellung der Weihnachsgeschenke gedacht. Beides schien mir unwahrscheinlich. Erst ein paar Unterlagen, insbesondere Visitenkarten brachten Licht in diese düstere und leider durchgammelnde, verlassene Jugendstil-Villa. Über drei Etagen findet man die Bruchstücke der Vergangenheit des ehemaligen Bewohnerpärchens. Der Nachname, der an großes Kino mit NS-Zeit-Geschichte erinnert, zeugt als manifestierte Spur in Richtung Wohlstand aus besseren Zeiten. Dass diese Zeiten vorbei sind, belegt nicht nur der zerwühlte Rückstand der Einrichtung. Ein paar auf dem Boden verstreute Briefe von Bank und Versicherung legen persönliche Daten offen und lassen meinen Besuch nicht nur persönlicher werden, auch schwebt eine unabgeschlossen wirkende, wenn auch nicht unangenehme Atmosphäre über die ungeklärten Umstände des Leerstandes in der Luft. Restbestände von Kleidungsstücken erwecken den Eindruck, als seien die Bewohner nur mal eben verreist. Gebügelte weiße Herrenhemden, ein altmodischer Frauenhut, Mäntel und aus der Mode geratene Schuhe wirken verloren. Ich scheine leider nicht die erste Begutachterin des Innenlebens zu sein. Die Türen wurden aufgebrochen, das Inventar grob durchsucht, einige Stühle zusammengestellt, als wollte sie jemand abholen. Zum Glück ist kaum etwas zerstört, zumindest nicht vorsätzlich wie bei inzwischen häufigem Vandalismus in Lost Places. Der Wohnzimmerschrank enthält ein fast vollständiges Service von blauem Geschirr, ein etwas kitschiges Erinnerungsstück an die Silberhochzeit steht noch oben drauf.

Als ich mich weiter umschaue, entdecke ich zwischen den auf dem Boden verstreuten Herrenunterhosen diverse kleine Kot-Reste. Ein Häufchen scheint sogar noch recht frisch. Vielleicht sind die wenigen kaputten Geschirrteile ja durch einen kleinen, vierbeinigen Hausbesetzer verursacht worden. Ich stelle mir vor, wie ein niedlicher Waschbär durch meine Geräusche verschreckt ein Häufchen hier hingesetzt hat, bevor er sich verzog. Ganz unrecht scheine ich nicht zu haben, denn als ich in der Küche des obersten Stockwerks stehe, höre ich trippelnde Laufgeräusche nebenan im großen Raum. Mein Vorstellungsvermögen schwankt unruhig zwischen Wolf, Fuchs und Waschbär. Die Größe meiner bildlichen Erwägungen nimmt mit Verstreichen der Sekunden zwar ab, aber das Teufelchen auf meiner Schulter flüstert hämisch von der durchaus plausiblen Möglichkeit eines verletzten Wolfes, der mich sicherlich nicht so entspannt dulden würde, wie ich diesen Besuch halten wollte. Also schaue ich mich sicherheitshalber nach einem Gegestand für mögliche Verteidigung um und entscheide mich dann doch lieber für den Rückzug, statt Nachzuschauen.

(Bei meinem Re-Visit ein dreiviertel Jahr später habe ich dann den Blick in die verbleibenden Räume oben gewagt. Viel verpasst hatte ich nicht. Der große Raum schien eine Art Party- oder Gesellschaftsraum mit Bartresen zu sein. Die Wald-Wandtapete bringt mich immer noch zum Grinsen, die Tapeten-Mode kenne ich aus meiner Jugend. Der letzte verbleibend Raum dahinter hatte einen Wandschrank mit klappbaren Holztüren zu bieten.)

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