Der verlassene Ballsaal “Goldener Kronleuchter”

Der verlassene Ballsaal “Goldener Kronleuchter”

Im verlassenen Gasthof “Kronleuchter” liegt das Prunkstück im Ballsaal leider am Boden

Als ich diesen herrlich großen, goldenen Kronleuchter mit der Bühne im Hintergrund das erste Mal bei meinen Recherchen gesehen habe, stellte ich mir ein ebenfalls sehr großes Theater vor, oder zumindest eine imposante kulturelle Tanz-Stätte mit Ballsaal. Aber dem ist nicht ganz so. Dieser verlassene Ballsaal befindet sich zu meiner Überraschung in einem verlassenen Gasthof. Seine äußere Erscheinung wirkt recht unscheinbar, nahezu mausgrau. Doch wie so oft trügt der Schein. A propos Schein: das scheint auch öfter der Fall zu sein bei verlassenen Orten mit Ballsälen, wie ich im Laufe weiterer Besuche von verlassenen Gasthöfen und ehemaligen Kulturhäusern feststelle…

Als ich aus meinem Auto steige, hat sich der Himmel bereits ebenso mausgrau wie der Wandputz des verlassenen Gasthofs zugezogen. Es tröpfelt aufdringlich, als wenn man mir von oben zu verstehen geben will, dass ich in die Hufe kommen soll, da der Regen schon in den Wolken drängelt. Der Schauer fällt dann auch just mit meinem Betreten des Gasthauses. Wie es bei verlassenen Gebäuden immer so ist, hat auch hier die Witterung Einbruch gehalten. Am Eingang des Ballsaals tropft es mir fast in den Kragen. Ich brauche gar nicht aus dem Fenster zu sehen, um zu wissen, ob es regenet. Eigentlich ganz schön schlimm und traurig. Sogar der goldene Kronleuchter scheint in diesem Grau des Wetters, aber auch des Gebäudezustands ein wenig an Glanz zu verlieren. Ich kann mich nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass eine gewisse Traurigkeit von ihm ausgeht. Man sieht ihm an, dass er am Boden ist. Er wirkt auch etwas geknickt und tut mir irgendwie leid. Natürlich ist ein goldener Kronleuchter immer ein Highlight. Doch man merkt ihm deutlich an, dass er viele Glanzzeiten erlebt hat und vielleicht gern davon erzählt hätte. Ich mache meine Fotos mit Respekt und dem kleinen Gedanken, dem Kronleuchter auch jetzt noch die ihm gebührende Ehre und Schönheit anzuerkennen und ein Stück weit in meinen Fotos zu erhalten. Da die Decke an der Stelle seines ursprünglichen Sitzes nicht marode aussieht, frage ich mich unwillkürlich, wie der Kronleuchter zu Boden kam. Ich werde es nicht herausfinden und schaue mich weiter im “Goldenen Leuchter” um.

Ich bin überrascht, was das Innere dieses ehemaligen Gasthauses noch alles zum Vorschein bringt. Zugegeben gehöre ich nicht zu den Menschen, die in Gasthäusern einkehren, geschweige denn übernachten. In der oberen Etage befinden sich sowohl Gästezimmer als auch eine Art Büro, in dem noch erstaunlich viele Aktenordner vor sich hin gammeln. Noch mal eine Etage über mir höre ich plötzlich kleine Trippelschritte. Im Laufe meiner Urbex-Erfahrung gehe ich stark von Waschbären aus und wage mich schwebenden Schrittes die moderige Holztreppe hinauf zum Dachstuhl. Hier erkenne ich das ganze Ausmaß der Feuchtigkeit, die an mehren Stellen eingedrungen ist und diesen verlassenen Gasthof von oben nach unten mürbe macht. Die Waschbären sehe ich nicht, was aber wohl auch besser so ist.

Im Erdgeschoss finde ich im vorderen Gebäudeteil zur Straße hin den Lokalbereich mit gemütlichen Holznischen, dahinter wiederum einen großen Raum, der mit seinen steifen Stühlen nach Versammlungsraum aussieht. Die bunte Tapete macht das Ambiente für mich nicht lockerer, aber Versammlungsräume sind eh nicht meine Welt.

Der Regen hat aufgehört, als ich wieder zu meinem Auto zurück kehre. Trübe und mausgrau ist es immer noch. Mit ebenfalls leicht trüben Gedanken fahre ich ab – ein Abschied, der den goldenen Glanz des stolzen Kronleuchters aber nie vergessen lässt.

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