Das verlassene Regierungskrankenhaus

Das verlassene Regierungskrankenhaus

Eine gewaltsame Zerstörung, die an Verwüstung kaum zu überbieten ist

Die Erdmulde unter dem Zaun ist noch da. Ich wähle denselben Zugang zu dem verlassenen Regierungskrankenhaus, den ich schon 2017 genommen habe. Damals konnte ich das ehemalige Regierungskrankenhaus der DDR nicht von innen erkunden. Bewegungsmelder und Sicherheitsdienst schafften es damals für eine gewisse Zeit, diesen Lost Place zu schützen. Schon als ich am Zaun ankomme, höre ich Stimmen von irgendwo her auf dem Gelände. Als ich die kaputten Fensterscheiben und das Graffiti am Gebäude sehe, ahne ich Böses: hier ist nichts mehr geschützt, es wird auch nichts Schützenswertes mehr geben – dieser Lost Place ist verloren. Dass der Zustand des verlassenen Regierungskrankenhauses jedoch so dermaßen katastrophal ist, hätte ich im Leben nicht gedacht.

Ohne Umwege betrete ich das verlassene Regierungskrankenhaus durch den Haupteingang. Der linke Gebäudeflügel geht hinsichtlich Verwüstung sogar einigermaßen. Wahrscheinlich, weil hier nur die Krankenzimmer waren und wenig Geräte bzw Metall, dass sich zu klauen gelohnt hätte. Im rechten Gebäudetrakt sieht das Ganze dagegen erschreckend bis schockierend aus. Die Wände wurden aufgeschlagen, teilweise fehlen die Handläufe in den Gängen, Türen wurden samt der Türrahmen herausgerissen und weg geklaut. Der Schutt des Vandalismus liegt überall. Natürlich ist das ganze Regierungskrankenhaus verlassen, aber gleichzeitig auch nicht wirklich. Zu irgendeinem Zeitpunkt fielen Diebe und Vandalen in einem Feldraubzug über den Gebäudekomplex her und hinterließen ein Schlachtfeld. Das Ausmaß der Verwüstung und des Material-Diebstahls hat den ursprünglichen Zustand überdeckt. Ein Charakter von verlassener Geschichte ist kaum noch zu finden. Dazu kommt ein Besucherstrom aus allen Teilen Deutschlands. Während ich mir schwer enttäuscht alles anschaue, durchlaufen mehrere Gruppen junger Leute das alte Krankenhaus. Einige sprechen englisch und lassen sich von einem Deutschen alles zeigen und erklären. Kurz darauf treffe ich eine andere Gruppe Anfang 20-Jähriger aus Dresden – sie halten sich für Urbexer. Die neue Generation, die auf den fahrenden Zug dieses angesagten Hobbys zur Selbstinszenierung aufspringt, sich aber weder mit der Geschichte solch verlassener Orte noch mit den Besonderheiten, Eigenschaften oder vergangenen Spuren beschäftigt. Hauptsache man macht mit und kann etwas vorzeigen. Dabei sein ist heute alles, was zählt. Traurig. Für mich hat das nichts mit dem Ursprung von “urban exploring” und dem Erkunden von Lost Places zu tun. Die Jagd auf Lost Places hat gleichzeitig ihre schnelle Verbreitung zur Folge. Und dann muss man sich auch nicht wundern, wenn interessante, verlassene Orte, die eigentlich noch viel zu “erzählen” hätten, weder gewürdigt noch in Ruhe gelassen werden, sondern solchen Leuten zum Opfer fallen, die dieses Desaster zu verantworten haben.

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