Das verlassene Kinderkrankenhaus Harzgerode

Das verlassene Kinderkrankenhaus Harzgerode

Ein Lost Place aus Zeiten, als TBC noch aktuell war

Selten hat mich ein Lost Place so berührt wie dieser. Das verlassene Kinderkrankenhaus in Harzgerode (Landkreis Harz im Land Sachsen-Anhalt) stammt aus einer Zeit, als die Lungenkrankheit TBC noch eine verbreitete, hochgradig ansteckende und lebensgefährliche Lungenkrankheit war. Ausgelöst durch Bakterien – hervorgerufen durch unzureichende Ernährung, Überanstrengung, schlechte Hygiene und Belüftung in Wohnungen – traf die Tuberkulose nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder.

Durch den Mediziner Hermann Brehmer wurden ab 1860 Frischluft-Kuren als geeignete Heilmethode gegen TBC – auch als Schwindsucht bezeichnet – erkannt und eingesetzt. Daraufhin entstanden nicht nur im Thüringer Wald und im Erzgebirge, sondern auch im Harz vermehrt Heilkurorte, sog. Lungen-Sanatorien und Heilstätten. Diese wurden anfänglich von den Landesversicherungsanstalten erbaut und gingen später in staatliche Hand über. Neben einer gesunden und ausgewogenen Ernähung und natürlich viel Frischluft wurden auch Apparate und Operationsmethoden eingesetzt, die die betroffenen Lungenflügel ruhig stellen sollten. Dazu gehörten die Methoden Pneumothorax und Thorakoplastik. Beim Pneumothorax wurde mit einer Hohlnadel in den betroffenen Lungenflügel gestochen, der dadurch kollabierte und so ruhig gestellt wurde. Bei Anwendung der Thorakoplastik wurden operativ Rippen entfernt, um Bereiche des Brustkorbs zum Einfallen zu bringen und dadurch ebenfalls eine Ruhigstellung der kranken Lungenteile erreichen zu können.

Durch die Entwicklung von Medikamenten gegen TBC ging die Auslastung der Lungenheilstätten nach 1945 zurück, auch die Lungenkrankheit selbst konnte deutlich eingedämmt werden. Das TBC-Kinderkrankenhaus in Harzgerode blieb aufgrund seiner sehr guten Lage weiterhin als Kinderkrankenhaus bestehen und erhielt 1950 sogar Holzbaracken für einen Schulunterricht. 1969 erfolgte die Umwandlung in ein Fachkinderkrankenhaus für Atemwegserkrankungen und die Errichtung eines richtigen Schulgebäudes. Das Kinderkrankenhaus wurde bis nach der Wende genutzt und schließlich – trotz zwischenzeitlicher Sanierung – 1998 entgültig geschlossen. Die Klinik steht heute unter Denkmalschutz.

Vor diesem Hintergrundwissen gehe ich mit ganz anderem Gefühl und Blick in das Klinik-Gebäude, als ich es mir zuvor vorgestellt hatte. Schon als ich um die Ecke in den langen Gang zum Chefarzt-Zimmer biege, bemerke ich den typischen Krankenhaus-Geruch. Nur ganz leicht, aber unverwechselbar. “Wie kann das sein nach all den Jahren des Leerstandes”, denke ich, und versuche der Quelle auf die Spur zu kommen. Aber natürlich gibt es keine Geruchsquelle. Die Dämpfe der Desinfektionsmittel sind in die Poren der Wände eingezogen. Ich blicke auf meine Hände und mache mir klar, wieviel Seifen- und Desinfektionsstoffe mein Körper täglich einsaugt und hoffentlich auch vollständig wieder ausscheidet.

Der Anatomieraum sowie der OP-Bereich haben nach wie vor ihre optische Wirkung nicht verloren. Was mich aber viel mehr ergreift ist der Zimmer-Trakt der Kinder. Die Kindermalereien an den Wänden lassen mich in ihre eingeschränkte Welt eintauchen und ziehen mich ungewollt in ihre vergangene Zeit. Als ich im Waschraum vor den Reihen kleiner Waschbecken stehe, die mir von der Höhe her gerade mal an meine Hüfte reichen, wird mein Herz schwer. Die Vorstellung, wie die kranken kleinen Würstchen hier jeden morgen hustend stehen, geht mir schon nahe. Auch die Wandaufkleber über den Badewannen lassen die Eindrücke im Krankenhaus lebendiger werden. Und als ich die schmalen Kleiderschränke mit bunten Kinderfolien auf den Regalbrettern sehe, wäre ich am liebsten für ein paar Augenblicke in der damaligen Zeit und hätte den armen Würstchen geholfen. Aber die Zeiten sind vorbei, und was aus den Kindern geworden ist, weiß ich nicht. Gedankenverloren befasse ich mich noch mit der durchaus interessanten Hebeltechnik der großen Fenster, die auf den Freiluft-Balkon führen und schaue mir im Nebentrakt den Speisesaal an, der auch als Theater-Saal diente. Die Büroräume haben mit ihren typischen holzmöbeln den kühlen Charme einer unbeteiligten Verwaltung und können mein Interesse nicht großartig wecken. Nach einer letzten Aussicht über das Gelände mache ich mich auf den Heimweg und nehme nicht nur viele Bilder mit, sondern auch das Bewußtsein, wie einfach und doch schwer die damalige Zeit war: auf das Wesentliche konzentriert und deutlich entschleunigter. Die Lebensqualität und damit Leneserwartungen sind heutzutage hoch, dagegen beherrschen Stress, Überangebote und digitale (Schein-)Welten das aktuelle Leben. Ein bisschen von beidem wäre vielleicht eine gute Mischung. Ich weiß es nicht….

Der Klinikt-Trakt:

Die Chefarzt-Villa:

Die Schautafeln sind sehr informativ. Ich habe hierüber nicht nur viel über das ehemalige Kinderkrankenhaus erfahren, sondern auch sehr interessante Informationen über die Lungenkrankheit TBC erhalten können.


https://de.wikipedia.org/wiki/Heilstätte_Harzgerode

Freie-Feldanlage.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

× nine = twoundseventy

%d Bloggern gefällt das: