Das verlassene Hotel der gelben Stühle

Eine Kaffeeszene wie eine Postkarte

Sie wirken fast ein bisschen französisch, finde ich. Zumindest ein klein wenig elegant. Auf jeden Fall hätte ich diese gelb gepolsterten Stühle nicht diesem Lost Place zugeordnet, schon gar nicht dem Haus, in dem ich die kleine Tischgruppe vorfand. Wahrscheinlich wäre ich an diesem Gebäude vorbei gelaufen, wenn ich nicht definitiv gewußt hätte, dass es sich um ein verlassenes Hotel handelt. Äußerlich wirkt es auch eher wie ein bideres Wohnhaus aus den 50ger Nachkriegsjahren. Man sieht dem Haus seinen Zustand jedenfalls nicht auf den ersten Blick an.

Um dem Blick der Öffentlichkeit zu entgehen, schlüpfe ich an der Hausmauer hinter das Gestrüpp. Ich lande dabei beinah direkt vor einem großen Fenster, dass sperrangelweit offen steht, als wollte man lüften. Es ist schön warm draußen, die frische Luft tut dem verlassenen Hotel sicherlich gut. Dennoch bin ich nach dem Eintreten etwas zwiegespalten, ob ich das Fenster offenlassen soll, quasi um der sich ansammelnden Feuchtigkeit entgegen zu wirken, oder ob ich es schließen soll, um diesen Lost Place vor Vandalismus zu schützen. Ich schließe es vorsichtshalber, letztlich ist dieses Hotel vor Schimmel, Moder und Verfall eh nicht mehr zu retten.

Wie es aussieht, bin ich im Frühstücksraum oder so etwas ähnliches gelandet. “Da sind sie ja schon”, denke ich, als ich die hübschen gelben Stühle um das Tischchen stehend entdecke. Für einen Augenblick bin ich ein klein wenig enttäuscht, da ich damit das heutige Highlight sofort vor mir habe und die spannende Suche und das damit verbundene Kribbeln entfallen. Natürlich bleibt die Entdeckungstour durch einen Lost Place weiterhin interessant, aber es ist doch irgendwie immer einen Tuck aufregender, wenn man das gewünschte Fotomotiv suchen muss wie die bunten Eier zu Ostern. Ziemlich offensichtlich sind die letzten Hinterbliebenen des Frühstücks-Mobiliars an dieser Stelle zusammen gestellt und ausgerichtet worden. Das stört mich nicht sonderlich. Der linke Stuhl hatte wohl schon einiges durchgemacht, da das bereits gebrochene Bein etwas schief angeklebt wurde. Er tut mir ein bisschen leid, denn ich befürchte schon die nächsten Strapazen durch Leute, die sich unbedingt darauf setzen müssen, damit sie ihr Selfie machen können. Ich sehe mich um. Die Räume des Eingangsbereiches haben nicht mehr viel zu bieten. Ich finde noch weitere, leider zerstörte, Stühle in einem Trümmerhaufen und mache mich auf, das verlassene Hotel weiter zu erkunden.

Der Küchenbereich gleicht einer Schutthalde. Zu meiner Überraschung finde ich noch etwas heiles Geschirr, ein paar Pötte, einen Wasserkocher und anderen Kleinkram. Die Zitronenpresse sieht sogar noch ganz gut aus. Allerdings könnte man sich nicht einmal mehr eine heiße Tasse machen, da die komplette Elektrik herausgerissen wurde. Anscheinend waren sämtliche Kabel zusammen mit der Abluft in der Decke verlegt, die förmlich entkernt ist und ihre zerkloppten Reste auf den Bodenfliesen zurückgelassen hat. Mit einem Auge behalte ich daher den Deckenbereich im Blick, falls sich noch ein Brocken vom Material löst. Der Tag schreitet voran, das muss ich nun auch, um noch brauchbare Bilder im schwindenden Licht machen zu können. Auf den Stufen in das obere Geschoss stehen noch weitere gestapelte Essteller. Was die dort sollen, weiß wohl auch kein Mensch. Mit knarrenden Schritten gehe ich nach oben. Die halb leeren Räume wirken wie kurz vor oder kurz nach einem Einzug. Die wenigen Betten, Tische und Stühle stehen etwas planlos in Zimmern, in denen es überraschend sauber ist. Zumindest, was man bei einem verlassenen Hotel als sauber bezeichnen kann. Doch die sich lösenden Tapeten, herunter blätternder Deckenputz sowie ein abgebrochenes Waschbecken belegen das Ende der Bewohnbarkeit in diesem Hotel. Einzig das Badezimmer kommt mir seltsam unbetroffen vor. Vielleicht liegt das auch an der noch vorhandenen Ausstattung mit Fußteppich, Vorhängen, Toilettenpapier und Zahnputzbecher. Auch das kleine Nachttischchen im Schlafzimmer, das noch recht sauber wirkt und irgendwie sympatisch unschuldigen Charme ausstrahlt, scheint zu sagen “hier geht noch was” und weckt leichtes Bedauern in mir.

Der schmale Gang zum hinteren Bereich lässt bedrohlich erahnen, wie stark einsturzgefährdet dieser Gebäudeteil ist. Feuchter Lehm bedeckt den vergammelten Boden, Moos und Schimmel haben Einzug genommen. Mit tastenden Schritten prüfe ich langsam und vorsichtig die Stabilität des Bodens – jederzeit bereit, zurück zu springen, falls er nachgeben sollte. Ich merke, wie aufgeweicht alles ist. Ich fahre sämtliche Antennen und Sensoren meines Körpers aus, um jeden Hauch an Geräusch und Bewegung wahrzunehmen. Auch die Strohdecke biegt sich verdächtig durch. Nach ein paar Metern spüre ich wieder Beton unter meinen Füßen. Etwas beruhigend, wenn auch nicht allzu doll. Die Räume hier hinten sehen schlimm aus. Nicht durch menschliche Zerstörung, sondern durch das deutliche Zusammensacken der Bausubstanz. Die zurück gelassenen Metallstühle könnten einladend wirken, wären sie nicht so zugestaubt. Eigentlich sitzt man darin richtig entspannt, weil sie so ganz leicht wippen, wenn man sich vor und zurück bewegt. Ich überlege, aus welcher Zeit sie sind, tippe auf Ende der 1990ger, bin mir aber nicht wirklich sicher. Ich finde es nur mal wieder schade, dass niemand sie verkauft hat. Es hätte bestimmt Käufer gegeben, ich wäre auf jeden Fall einer gewesen. Vielleicht gründe ich eine Art Second-Hand-Ikea für verlassenes Hotel-Inventar. Wäre doch mal eine Geschäftsidee…