ehem irakische Botschaft

ehem irakische Botschaft

Ein Ort, an dem Saddam Hussein nie war.

So manche verlassenen Bauwerke sind nur für kurze Zeit spannend, da nicht nur der Zahn der Zeit an ihnen nagt, sondern besonders in den letzten paar Jahren die Verwüstung und Zerstörung stark zugenommen haben (Klau von Inventar und Kupferkabeln, Brandstiftung etc). Und irgendwann sind Lost Places mit einem gewissen Bekanntheitsgrad auch nur noch Pilgerstätte. Es hatten bereits mehrfach Tageszeitungen und Magazine von der ehemaligen irakischen Botschaft (leider) mit Benennung der Adresse berichtet, insbesondere, da die Feuerwehr mehrfach wegen Brandstiftung ausrücken musste. (Daher ist es für mich auch kein Problem, hier die Ortslage etwas konkreter zu nennen.) Somit war dieser Lost Place für mich quasi ein eher unbedeutender Punkt auf meiner “bucketlist”, den ich wenigstens noch mal gesehen haben wollte. Ich kannte ein paar Bilder mit einer alten Schreibmaschine, Unterlagen in arabischer Schrift und weiteren übrig gebliebenen Dingen und hoffte, vielleicht wenigstens ein paar original Relikte zu finden. Die besten Motive waren allerdings schon lange weg. Dass es bei meinem Besuch am Ende sogar zu einer Gefahr kommt, hätte ich nie gedacht…

Die ehemalige irakische Botschaft liegt mitten in einem Wohngebiet von Berlin Pankow, daher setze ich beim Betreten des Grundstückes lieber die Kapuze meiner Hoodie-Jacke auf. Die kleine eiserne Eingangstür zum Gebäude ist natürlich verschlossen, aber flach genug, um die Beine hinüber zu schwingen. Wie erwartet bin ich nicht die Einzige vor Ort. Eine Gruppe junger Leute montiert irgendwelche Holzbretter und -wände ab. Auf diese Weise gehen zwar sowohl das original Inventar und damit Ambiente als auch Fotomotive verloren. Andererseits denke ich mir, dass es eigentlich gar nicht so schlecht ist, wenn die Sachen wenigstens von Verwendung finden, anstatt hier zu vergammeln oder gar sinnlos zerstört zu werden. Wenn sich noch jemand findet, der etwas gebrauchen kann, warum nicht – es kümmert sich ja eh keiner mehr um das Gebäude und sein Innenleben. Es ist etwa ein Uhr mittags, weitere Menschengruppen kommen und gehen. “Die reinste rush-hour”, denke ich, und verschaffe mir erstmal einen groben Überblick, bis die Massen weg sind und ich mir ein paar Motive suchen kann. Entgegen meiner üblichen Angewohnheit, einen Lost Place vom Keller zum Dach zu durchkämmen, fange ich diesmal von oben an. Das sollte sich noch als weniger günstig erweisen, wie ich am Ende meiner Tour feststellen werde. Ich bin gerade damit beschäftigt, einen Raum mit kreisch-grünem Kunststoff-Sessel zu fotografieren, als mich vier Jugendliche ansprechen, wie lange ich denn noch bräuchte. “Warum?”, frage ich, “wollt ihr etwa auch Fotos machen?” “Nee”, sagt der eine und guckt mich mit großen Pupillen an, “wir woll’n nur chillen…” Jaja, alles klar, denke ich, und räume ein paar Minuten und gemachten Fotos später das Feld und diesen Raum. Ich bin eigentlich so gut wie durch mit allem und werfe noch einen Blick hinter das Haus auf die Terrasse. Vertieft in das Motiv eines Stiefels nehme ich kurz den Geruch von Grillanzünder oder Benzin wahr und denke mir “Chillen, soso, chillen und grillen, oder was?!” Das Foto ist im Kasten und es bleibt nur noch der Keller zu erkunden. Ich bin etwas erschrocken, da fast alle Kellerräume bedeckt sind mit verbrannten Resten von Reifen, Schränken und sonst welchem Kram. Man geht förmlich auf verbranntem Schutt, der sogar noch mit Löschwasser durchtränkt ist. In einem Regal finde ich noch kleine Propaganda-Hefte über Saddam Hussein und ein paar wenige Aktenordner. Der immer noch in der Luft hängende Brandgeruch ist mir zu unangenehm, zum Fotografieren gibt es nichts Tolles mehr, also entscheide ich mich zum Abgang. Interessanterweise bemerke ich weder im Keller noch im Erdgeschoss, dass es über mir tatsächlich brennt. Nichts ahnend steige ich wieder über den kleinen Eingangszaun. Ich bin schon fast vom Grundstück, als mir einfällt, dass ich das Gebäude ja gar nicht von vorn fotografiert habe, was ich eigentlich immer mache. Ich drehe mich also um, da sehe ich aus dem ersten Stock, wo auch der grüne Sessel stand, schwarze dicke Rauchschwaden heraus quellen. Hinter mir kommen gerade diese vier Jugendlichen mit den zugekifften Augen und meinen doch frech zu mir: “War’n sie das mit dem Feuer?” Ich bin stinksauer über diese Unverschämtheit und wäge kurz ab, ob ich meine Ärmel hoch kremple und dem Spargel mit der Jeans in den Kniekehlen eine scheuere. Es bestünde aber das Risiko, dass die Bengel mir meine Fototasche weg nehmen könnten, also lasse ich es und entferne mich zügig. Ein Anwohner gegenüber hat den Brand schon bemerkt, zumindest sehe ich ihn auf dem Balkon telefonieren und herüber schauen. Schnellen Schrittes und mit wieder aufgesetzter Kapuze mache ich mich vom Acker und lausche, ob ich die Sirene der Feuerwehr höre. Bis zum Erreichen der Bushaltestelle passiert nichts, auch die Tage danach lese ich keinen Artikel über die Brandstiftung der Jungs. Schade um das verlorene Front-Foto. Und wieder einmal schade, dass es Jugendliche gibt, die nichts Besseres zu tun haben…

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