Chateau Lumière

Chateau Lumière

Ich halte es für den unauffälligsten Weg, dieses Objekt von hinten über den angrenzenden bewaldeten Hügel anzugreifen. Eine Nebenstraße führt den kleinen Hang hinauf. Nach ein paar Minuten komme ich zu einer Stelle mit herunter gedelltem Maschendrahtzaun. Ich weiß zwar nicht, ob ich schon auf Höhe der verlassenen Villa bin, entscheide mich aber dafür, an dieser Stelle durch die Bewaldung herunter zu gehen. Wobei, mit Gehen geht hier gar nichts. Der Hang fällt extrem steil ab, die Erde ist trocken und staubig, und es gibt wenig zum Festhalten. Mit der Fototasche über dem Rücken und der Wasserflasche in der Hand schwinge ich meine Beine über den Zaun und merke sofort, dass meine Turnschuhe wenig Seitenstabilität bieten und die Sohlen ein unzureichendes Profil aufweisen. Ich komme ins Rutschen, finde keinen Halt und holpere halb auf der Seite liegend ein paar Meter tiefer hinunter, bis mich ein zweiter, rampunierter Maschendrahtzaun auffängt. Meine Wasserflasche hüpft allerdings hinüber und bleibt kullernd an einem Baumstamm hängen. “Na toll, denke ich, “ohne Wasser gehe ich nicht.” Aber ich will ja eh ‘runter, also muss auch ich irgendwie über diesen zerknautschen Zaun. Vorsichtig löse ich mich aus dem wabbeligen Geflecht. Ich hebe langsam ein Bein nach dem anderen hinüber und wickele mir ein längeres Stück herausgelösten Maschendraht um die Hand, denn etwas anderes zum Festhalten habe ich hier nicht. Ich versuche, mit den Füßen eine trittfeste Stelle zu finden, doch dieser trockene Boden bietet nirgends sicheren Stand. Mir ist klar: das wird nichts mit einem kontrollierten Abstieg. Der Draht schneidet mir inzwischen in die Hand, und ich weiß, ich muss irgendwann loslassen. Also versuche ich mir gedanklich eine strategische Strecke zurecht zu legen, um von Baum zu Baum einen Weg mit Zwischenstopps zu finden. Aber eigentlich ist mir klar, dass das eine Zufallspartie wird. Ich wage es, meine Hand aus dem Draht zu lösen und kann mich bis zu dem Baum mit meiner Wasserflasche hinüber stoßen. Dann der Versuch, seitlich mit den Schuhkanten zum nächsten Baum zu gelangen. Noch ehe ich bis drei denken kann, rutsche ich mit dem linken Fuß weg, meine Beine fliegen in die Luft, ich krache mit dem linken Bein auf einen fetten Stein, lande auf dem Hintern und schliddere den Hügel auf dem Rücken liegend wie auf einer Skipiste hinunter. Noch immer weiß ich nicht, wo ich bin und male mir aus, wie ich an der sich unten abzeichnenden Rampe abhebe, durch die Luft fliege und im Garten fremder Leute lande, die gerade gemütlich bei einer Tasse Kaffee sitzen. Holpernd und eine fette Staubwolke aufwirbelnd kann ich unten kurz vor dem Absatz einen Strauch ergreifen und komme auf einem kleinen Stück platter Fläche im wahrsten Sinne zum Erliegen. Ich rappele mich auf. Meine Hose sieht aus wie durch den Dreck gezogen. Das ist sie ja auch. Meine Jacke macht aber auch keinen besseren Eindruck und meine Fototasche wirkt wie eingepudert. Zum Glück hat meine Kamera innen nichts abbekommen. Meine Wasserflasche habe ich immer noch in meiner Hand festgekrallt. Trinkwasser ist schließlich wichtig bei Urbex-Touren! Ich sehe mich um und bemerke, dass ich genau zwischen zwei Grundstücken gelandet bin. Rechts ein kleines Haus mit kleinem Garten. Ob dort eine Kaffeegesellschaft sitzt, erkunde ich lieber nicht. Links liegt die tolle, verlassene Villa. Geduckt pirsche ich mich durch das letzte Gestrüpp, entdecke, dass die Seitentür aus schön geschnitztem Holz offen steht, zücke sofort meine Kamera und gehe freudig aufgeregt in dieses prachtvolle Herrenhaus.

Mein erster Blick fällt über die helle Marmortreppe in die licht-durchflutete Eingangshalle mit dem roten Teppich, an dessen Ende ein kleiner Stuhl vor einem inzwischen zerstörten Spiegel steht. Von oben fällt ein Lichtstrahl direkt auf dieses kleine original Möbelstück und gibt der Szenerie etwas märchenhaft Schönes. Der Anblick wirkt wie eine Postkarte! Zwei helle, hohe Marmorsäulen begrenzen die Halle zur meiner Eingangstür. Der früher vorhandene gegenüberliegende Spiegel muss ein traumhaftes Spiegelbild geboten haben. Das zarte Eierschalengelb der Wände und das schlichte Grau der Bodenfliesen verteilen das von oben einströmende Licht sanft wie Watte. So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen! Überwältigt wage ich mich vor in die ersten Räume. Parkettboden, Stuckdecken, eiserne Fensterhebel, Samttapeten. Ich kann es gar nicht fassen: diese Villa muss doch Millionen wert sein, und sie ist in bester Verfassung – warum findet sich kein Käufer?!

Ich begegne einem jungen Franzosen, der mir erzählt, dass es in Frankreich Urbexer gibt, die diesen verlassenen Gebäuden soviel Respekt zollen, dass sie sie sogar wieder reparieren, wenn Vandalen etwas stark zerstört haben. Im Ansatz erkenne ich das hier auch, denn das Oberlicht wurde bereits von Vandalen zerstört, doch die herunter gefallenen Glassplitter, Backsteine und Holzbalken, die ich auf Fotos anderer Urbexer vom Anfang des Jahres gesehen hatte, sind bei meinem Besuch verschwunden. Der Besen steht noch in einer Ecke am Eingang. Das finde ich richtig gut.

Die noch vorhandene Einrichtung mit mehreren Badezimmern, Holzschränken und Holzverkleidungen vor Heizsystemen entlohnen die harte Rutschpartie zu meinem Besuch. Die Küche wirkt wie aus dem vorletzten Jahrhundert und die Tapeten scheinen jeglicher Zeit entrückt. Das Oval des Lichthofs mit seinem schmiedeeisernen Geländer ist ein absolutes Highlight für sich. Vom Dachgeschoss aus werfe ich einen Blick auf die Hauptstraße unter mir und sehe, wie sich vier Jugendliche ganz dreist direkt von vorn über den Eisenzaun schwingen. Für einen Augenblick überkommt mich Sprachlosigkeit ob dieser offensichtlichen Gleichgültigkeit, gesehen oder erwischt zu werden und ich frage mich, wozu ich mir die Umstände mit dem Weg über den Hügel gemacht habe. Aber dann denke ich sowas wie “nur die Harten komm’ inn’ Garten” und “im Training bleibt, wer trainiert”. Wenig später gibt mir der Blick auf die Uhr noch 4 Minuten bis zur Abfahrt meines Rück-Busses, und diesmal klettere auch ich direkt vorne über den Zaun auf die Straße…

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