Spuren von Fleisch

Ein verlassener Schlachthof zum Gruseln

Das Entdecken von Lost Places ist manchmal gruseliger, als erwartet – erst recht, wenn man nicht weiß, in was für einem verlassenen Ort man sich eigentlich befindet. Dieses ehemalige Industriegelände vom Zentralvieh- und Schlachthof im Prenzlauer Berg, nahe Friedrichshain habe ich durch Zufall im Vorbeigehen entdeckt und die Gelegenheit genutzt, da sie günstig erschien. Ein erster Blick um die Gebäude war absolut nicht erfolgsversprechend. Es störte mich wenig, da ich es eh für leere Hallen hielt. Doch auf dem Weg zurück zur Straße hörte ich ein leichtes Klappern der großen Eisen-Doppeltür eines Gebäudes. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass das untere Scharnier des linken Türflügels ausgehakt war. Ich zerrte und wandte alle Kraft auf, hoffend, das kleine bischen Öffnung solange stabil am Boden zu halten, um sowohl meine Fototasche hindurch zu schieben, als auch ich mich hindurchrobben zu können. Zum Glück konnte ich mich, auf dem Boden liegend und mit den Beinen voran, ganz knapp hindurch friemeln, die Tasche nachzerrend. Mit gespitzten Ohren schlüpfe ich durch den kleinen Spalt ins Dunkel…

Im Inneren eines industriellen Schlachthofs

Innen verharrte ich erst einmal einen Augenblick, um herauszufinden, wo ich gelandet war und um die unmittelbare Umgebung abzuscannen. Ich lauschte mit reduziertem Atem. Irgendwo hinter der Mauer neben mir raschelte es. Ein Schurren ab und zu, unregelmäßig, ohne dass man es einer Ursache hätte zuordnen können. In Lost Places sollte man sich immer vergewissern, ob man allein ist oder nicht und ob ein möglicher zweiter Besucher ein Mensch oder Tier ist. Also klettere ich lautlos über die Mauer, schleiche auf Zehenspitzen weiter um die Ecke, bis ich genug Einblick in die Weite der Halle habe und horche. Jedes Geräusch läßt mich erstarren, das Klappern von Wellblech auf dem Dach macht mich nervös, irgendwo weht ein Stück Folie. Mein Herz pocht stark! Doch ich bin offenbar allein. Auch wenn ich eine Taube auf dem Dach als Ursache der Geräusche vermute, kann ich es nicht mit Sicherheit herausfinden, beruhige mich aber mit diesem Gedanken. Das eigentlich Gruselige sollte ja noch kommen. Viel Alt-Rückstände hatte meine Halle nicht zu bieten. Die lange Steinbank, die sich stufenartigan der Mauer, über die ich geklettert war, entlang zog, ließ auf eine Produktionskette in mehreren Etappen schließen. Am Ende der Halle war auf einem gemauerten Podest eine Art Raum aus Metallwänden und Gitterstäben am Fenster geschaffen worden, der wohl als eine Art Vorarbeiter-Kabine diente. Vielleicht es auch ein Raum für Wertsachen, es gab keine eindeutigeren Hinweise. Daneben führte eine Steintreppe in den Keller. allerdings liefen die Stufen 90°Grad ums Eck, sodaß man nicht sehen konnte, was einen erwartet. Neugierig schlich ich hinunter. Ich blickte um die Ecke in einen Gang mit weiteren sich aneinander reihenden Räumen. Das Ende wirkte durch die bogenartigen Türöffungen in dem Mauerwerk wie eine duplizierte Illusion aus alice im Wunderland. Die winzigen Kellerschachte-Fenster auf Schulterhöhe ließen das Sonnenlicht halbweg gut hinein, genauso allerdings auch den Straßenlärm der Hauptstraße. Sollte ich jetzt in die Verlegenheit kommen, um Hilfe rufen zu müssen, wäre es zwecklos, der Lärmpegel draußen würde sämtliche Geräusche überlagern. Ungünstig für eine eventuelle Gefahrensituation! Dennoch ging ich durch alle Räume bis zum Ende. Sie schienen langweilig, da ich Gegenstände aus vergangenen Zeiten erhoffte. Im letzten Raum drehte ich mich enttäuscht um. Erst jetzt erkannte ich meine Lage: es gab keinen weiteren Weg nach oben außer die Treppe, von der ich hinunter gekommen war. Ich befand mich also in einer Sackgasse ohne Fluchtmöglichkeit! Sollte jetzt jemand Böses kommen, verhieß das nichts Gutes. Und dann fiel mein Blick an die Raumdecken. Lange Eisenträger waren daran befestigt, an ihnen aufgereiht jede Menge eiserner Haken. Schläuche und Strippen hingen stellenweise herunter. Es dämmerte mir: das waren Fleischerhaken! Mir gefror das Blut in den Adern, Ich war also in einer Halle einer verlassenen Fleischerei. Gut zu wissen, beruhigte mich aber eher weniger…

Der ehemalige Zentralvieh- und Schlachthof heute

Zum Glück wurden die alten Schlachthofhallen in der Landsberger allee 104 nicht einfach gänzlich abgerissen. Statt dessen werden sie (Stand 2019) derzeit saniert im Rahmen des Projekt DSTRCT. Mehr dazu kann man hier nachlesen:

https://www.berliner-woche.de/prenzlauer-berg/c-bauen/die-alten-schlachthofhallen-werden-derzeit-im-rahmen-des-projekts-dstrct-saniert_a244252

weitere Infos sind hier zu lesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralvieh-_und_Schlachthof

https://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungsgebiet_Alter_Schlachthof

https://www.berliner-woche.de/tag/alter-schlachthof

https://berlingeschichte.de/stadtentwicklung/texte/4_09_aschlah.htm

4 Kommentare

  1. 26/10/2014
    Antworten

    Schon spannend. Alles was hier irgendwie ‘lost places mäßig’ ist, ist zwischenzeitlich dermaßen gesichert, wie die Kronjuwelen der Queen. Da kommt man nicht mehr hin….

    • urbexsneeker
      27/10/2014
      Antworten

      Ja, vieles ist leider nicht mehr zugänglich oder wird abgerissen, aber die Entdeckung is ja das eigentliche Abenteuer 😉 !

  2. 10/11/2014
    Antworten

    genau so geht es mir jedes Mal… bin der totale Schisser… besonders wenn man schon ungebetenen Gästen begegnet ist 😀

    • urbexsneeker
      22/12/2014
      Antworten

      Oha – ungebetene Gäste hatte ich zum Glück noch nicht, aber die eine oder andere “brenzlige” Situation 😀 ! Bin seitdem mit allen guten Dingen ausgerüstet 😉

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